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BLUT, SCHWEISS UND TRÄNEN






 



Blut, Schweiß und Tränen
(Leseprobe)





Die Küche war penibel aufgeräumt, jedes teure Accessoire befand sich, akkurat ausgerichtet, an dem für ihn vorgesehenen Platz. Die Arbeitsflächen blitzten mit dem Chromwaschbecken um die Wette, die Gläser im Regal strahlten, und es fand sich kein einziger Krümel auf dem Boden der Küche. Allein die Frau, deren Kopf in einem Teller Tomatensuppe lag, passte nicht in das Bild. Tote kamen in heimeligen Werbefotos eher selten vor, und diese Frau war eindeutig tot. Ihr Schädel war zertrümmert, Blut und Hirnmasse bildeten ein hässliches Tableau um den tiefen Teller herum. Professor Lutz Harnack hatte die nötigen Abstriche nehmen lassen, Aufnahmen aus allen erdenklichen Winkeln veranlasst und streifte sich nun die für ihn typischen schwarzen Latexhandschuhe ab.


„Ihr wurde der Schädel eingeschlagen. Und zwar im Laufe des gestrigen Abends, vorläufiges Zeitfenster: zwischen neunzehn und einundzwanzig Uhr. Genaues wie immer, nachdem ich sie auf dem Tisch hatte. Kurios ist Folgendes: Man hat ihre Augen entfernt, die Höhlen sind leer. Der Tatort wurde gereinigt. Ich mache mich unmittelbar an die Obduktion, sobald ich sie in der Pathologie habe. Den Bericht haben Sie morgen früh.“


Kriminalhauptkommissar Rolf Prinz, genau so schlecht gelaunt wie gekleidet, schaute sich im Reihenhaus des Opfers um. Auch das restliche Erdgeschoss war ordentlich und beinahe klinisch sauber. Die teure, hochmoderne Einbauküche, in der das Opfer lag, mißfiel ihm aus einem ihm unerfindlichen Grund. Er selbst hatte kaum Ahnung vom Kochen, aber er stellte sich Küchen, aus denen herz- und schmackhafte Gerichte kamen, ganz anders vor. Auf gar keinen Fall so aufgeräumt. Vermutlich aß die Familie viel außer Haus oder ließ Essen kommen, Prinz machte sich eine Notiz, den Ehemann dazu zu befragen. Dieses Mal musste er sich selber Notizen machen, denn sein Assistent Fellner befand sich in Elternzeit. Noch so ein neumodischer Unsinn, fand KHK Prinz. Kinder waren Frauensache, und, was ihn betraf, würde sich daran auch nichts ändern, ganz egal, was all diese Weiber in bequemem Schuhwerk heutzutage propagierten. Hätte der Liebe Gott gleichberechtigte Geschlechter gewollt, so hätte er den Manne mit einem Gebärvater ausgestattet. Da dies, bis auf einen schlechten Film aus den späten Achzigern mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle, aber nun einmal nicht der Fall war, blieben Gebären und Kindergroßziehen Frauensache. 


Polizeiobermeisterin Karla Griese holte ihn aus seiner gedanklichen Genderkritik: „Hauptkommissar Prinz, det müssen Sie sehen …“ 


Sie zeigte auf die Wand über dem Küchentisch, auf dem der Kopf der Toten im Suppenteller lag. Das UV-Licht der Kollegin der Kriminaltechnik hatte einen Schriftzug sichtbar gemacht: UGLIER AND UGLIER stand dort, vermutlich mit dem Blut des Opfers geschrieben und dann bewusst nur so entfernt, dass es für die ermittelnden Beamten sichtbar bliebe. Harnack trat neben Prinz und schüttelte den Kopf. „Hässlicher und hässlicher heisst das auf Englisch.“


Rolf Prinz wurde warm unter seinem schlecht sitzenden Jackett. Sprüche an Wänden in der Nähe von Toten waren kein gutes Zeichen - gar kein gutes Zeichen. Er richtete ein Stoßgebet an die Küchendecke, dass diese Tote nicht den Auftakt zu einer Reihe ähnlicher Opfer bieten möge.


Das Schweizer Viertel in Lichterfelde war einige Jahre zuvor um eine Neubausiedlung bereichert worden. Gleichförmige, dreistöckige Stadtvillen mit handtuchgroßen Gärten dahinter, sollten familiengerechten Lebensraum im Süden der Hauptstadt bieten. Natürlich schieden sich die Geister an der Definition von familiengerecht, aber es gab, auch Jahre nach dem Verkauf des letzten Hauses, keinen Leerstand in der Neubausiedlung. Rolf Prinz trat vor das Haus der Toten. Ihr Ehemann lehnte gegen die in Douglasie verkleidete Biomülltonne und zündete sich eine Zigarette am heruntergerauchten Stummel der vorangegangenen Zigarette an.


„Ich verstehe das nicht, Herr Kommissar. Wer macht denn so etwas?“


Prinz sah den Ehemann des Opfers an. Mittelgroß, schlank und in feinen Zwirn gekleidet, sah man Alex Schiffer auch in diesem tragischen Moment den Erfolg an. Alex Schiffer war Führungskraft eines börsennotierten IT-Unternehmens mit Sitz in Mitte, er und das Opfer waren seit drei Jahren verheiratet. Es war für beide die zweite Ehe, der Sohn des Opfers aus deren erster Ehe, Benni, befand sich für ein Jahr in den USA, das hatte die Griese bei Prinz’ Eintreffen kurz heruntergeleiert. Das Ehepaar selbst hatte keine Kinder, beide waren Ende Vierzig, und dem Weinklimaschrank und dessen Inhalt nach zu urteilen, hatte das Paar seine Prioritäten anders gesetzt. Prinz zuckte mit den Schultern.


„Ein Psychopath, nehme ich an. Herr Schiffer, hatte Ihre Frau Streit mit jemandem in letzer Zeit, oder ist Ihnen irgendjemand aufgefallen, der sich auffällig in Ihrem Umfeld benommen hat?“


Alex Schiffer zog heftig an seiner Zigarette, bevor er antwortete: „Nein, Herr Kommissar, da war niemand. Manu hatte ihren Job, dann hat sie viel Sport getrieben. Sie hatte nur wenige Freundinnen, mit denen sich sich gelegentlich traf. Wir waren einander genug.“


Es gab auch wenig Schlimmeres in Prinz’ Vorstellung, als Frauen, die ständig mit ihren Freundinnen zusammenhingen, hier einen Latte Macchiato tranken, da einen Prosecco schlürften und ohne Unterlass über ihre Männer herzogen. Die, da war Prinz sich sicher, waren das Hauptthema unter den Frauen. Die Befragung von Alex Schiffer blieb wenig erquicklich. Seiner Version nach war Manuela Schiffer eine sportliche Schönheit, eine Wohltäterin in ihrer Nachbarschaft und im Umfeld ihres Sohnes, und es konnte in seiner Vorstellung niemanden geben, der sie so sehr hasste, um sie so zuzurichten. Ein wasserdichtes Alibi hatte er ebenfalls, eine Dienstreise. Verschiedene Teams der Firma hatten sich in den letzten vier Tagen einem Survival training in der Nähe von Berlin unterzogen. Es hatte eine rauschende Abschlussfeier am Vorabend gegeben. Ein Fahrer des Unternehmens bestätigte, dass er Alex Schiffer um neun Uhr morgens mit der Mutter aller Kater zu Hause abgesetzt hatte, sie waren um halb acht losgefahren. Prinz steckte sein Notizbuch in die ausgeleierte Tasche seines Sakkos, wies POM Griese an, eine Haus-zu-Haus-Befragung zu veranlassen, und verabschiedete sich. Ausgerechnet jetzt musste Fellner sich diese Babyeskapade erlauben, der Mann hätte sich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können. 


Prinz dachte kurz und grimmig an Fellners Vorgängerin, die Celik. Merve Celik war, er musste es zähneknirschend zugeben, eine sehr gute Ermittlerin - für eine Deutsch-Türkin aus Kreuzberg. Sie hatte ein Händchen für Zeugenbefragungen und war eine akribische Beobachterin. Prinz’ Laune wurde bei der Erinnerung an seine ehemalige Assistentin nicht besser. Die hatte sich vor ein paar Monaten mit diesem Fischkopp Glander selbständig gemacht. Dem weinte Prinz keine Träne nach. Dazu hätte er auch noch gar nicht kommen können, da sie sich kurz nach der Sache im Juli in der Reihenhaussiedlung von Glanders neuer Flamme bereits im September schon wieder über den Weg gelaufen waren. Und wieder hatte Prinz schlecht ausgesehen gegenüber dem smarten Exkollegen. Celik & Glander - Private Ermittlungen. Prinz war dieses Unterfangen suspekt. Man verzichtete doch nicht auf die sichere Pension, um sich als Müllwühler und Schmierenfotograf in Scheidungsangelegenheiten zu verdingen. Er stapfte zu seinem Auto und fuhr ins Präsidium in die Keithstraße. Es galt, ein Team zusammenzustellen, Akten anlegen zu lassen und eine Vorgehensweise zu definieren. Herrgott, Fellner, dachte Rolf Prinz, Windeln konnten doch wohl wirklich warten!






Synopsis:

In Berlin werden innerhalb weniger Stunden an verschiedenen Orten zwei Frauenleichen entdeckt, und die Ermittlungen dem sichtlich überforderten Kriminalhauptkommissar Prinz übertragen. Beide Leichen weisen ähnliche Verletzungen auf, alarmierend sind die literarischen Zitate, die an beiden Tatorten hinterlassen wurden.

Dann wird eine dritte Frauenleiche gefunden, und der Rechtsmediziner Lutz Harnack holt unter der Hand seinen Jugendfreund, Ex-Kommissar Glander, ins Boot. Der erhält tatkräftige Unterstützung von Polizeimeisterin Karla Griese, von seiner Partnerin Merve und von Lea, der neuen Frau in seinem Leben. Das Team findet die Verbindung zwischen den Opfern und muss sich fragen, wie weit ein Schriftsteller gehen würde, um auf der Bestsellerliste zu landen.

„Blut, Schweiß und Tränen“ ist eine Kriminovelle aus Beate Veras Reihe um Martin Glander und Lea Storm, die Handlung ist zeitlich zwischen dem zweiten Teil der Serie und dem dritten, der voraussichtlich im Herbst dieses Jahres erscheinen wird, angesiedelt.










 

(c) Beate BT Vera
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